20. Juni 2026

Veränderung

Lange Zeit war es hier still. Seit gut einem Jahr haben keine Worte mehr hierher gefunden. Und das nicht, weil es nichts zu sagen gibt. Sondern weil Stille das Einzige war, was sich zeigen wollte.

Vor einem Jahr war ich auf meiner Reise in Tirol am Lech. Ich denke dieser Tage oft daran. Ich vermisse die Berge. Den Lech mit seinem türkisblauen Wasser. Das stille Rauschen. Glasklar und eiskalt. Die sattgrüne Landschaft, die schroffen Berge. Auf dieser Reise habe ich gespürt: Etwas verändert sich. Es bricht etwas auf. Es löst sich etwas. Ich wusste, wenn ich zurückkomme, wird das Leben anders sein. Ich werde eine andere sein. Ich fühlte mich bereit dafür. Voller Energie. Voller Vorfreude. Voller Tatendrang.

Doch ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass nur wenige Wochen später einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben diese Welt für immer verlassen würde. Mein Papa ging Mitte August plötzlich und unerwartet. Er hinterlässt eine große, unheilbare Lücke in meinem Herzen und in meinem Leben.

Ich habe mich oft gefragt, wie dieser Aufbruch und diese Vorfreude sein konnten, wenn das, was passiert ist, einen Schmerz bringt, der nie wieder gehen wird. Der bleibt, tief im Herzen. Für immer.

Die Hitze in diesen Tagen ist eine Erinnerung an diese Zeit. Sie ist wie ein Flashback. Ein Sog in Tage voller Stillstand, Hoffnung, Verzweiflung, Angst und der stillen Zuversicht, dass es so wird, wie es sein soll. Die klimatisierte Intensivstation, das monotone Arbeiten der Geräte und diese Stille und der Frieden dort. Dieser Ort wurde zu einer Art Zuflucht und zu einem krassen Kontrast zur brüllenden Hitze, dem tosenden Leben auf der Straße und einem Sommer, der den Menschen Freude, Eis und sonnengebräunte Haut schenkt. Ein Leben zwischen zwei Welten. Zwischen Leben und Tod. Ein Film, der dieser Tage immer wieder abläuft. Ungefragt. Permanent.

Schließlich hat er sich entschieden zu gehen. Weil die Kraft am Ende war. Weil es leichter war zu gehen, als zurückzukommen. Ich hatte mich längst hingegeben. Dem, was kommt. Dem Vertrauen ins Leben … und auch in den Tod. Es ist schwer zu verstehen, warum solche Dinge passieren. Es ist schwer zu verstehen, warum Menschen diesen Schmerz erleben müssen. Es ist eigentlich überhaupt nicht zu verstehen. Und das Einzige, was uns bleibt, wenn wir Dinge nicht ändern können: Wir müssen lernen, sie anzunehmen.

Seither fühle ich mich getragen von großer Dankbarkeit. Dankbarkeit für eine lange und intensive gemeinsame Zeit. Und für all das, was mein Papa mir mit auf den Weg gegeben hat.

Erst wenn wir den Weg des Lebens ein Stück weit gehen und zurückschauen, stellen wir fest, dass manche Entscheidungen im Leben in einem Moment wehtun und im nächsten ein großes Geschenk sind. Die Absage aus den Bergen damals hat mich zurück nach Hause gebracht. Die Möglichkeit, ein Jahr lang bei meinen Eltern zu wohnen und dann nur wenige Meter von dort eine Wohnung zu haben, ist aus heutiger Sicht eines dieser Geschenke. Ich war lange fort von zu Hause. Und genau diese gemeinsame Zeit halte ich heute als großes Geschenk in meinen Händen. Gemeinsame Zeit, Abenteuer und Erlebtes sind alles, was uns bleibt, wenn jemand für immer geht.

Und dann? Ich bin wieder losgelaufen. Habe funktioniert, geholfen, getragen und gehalten. Bin wieder zurück ins Elternhaus. Wieder ein Umzug, wieder ein Neuanfang. Wieder loslassen. Dinge gehen lassen. Eine Entscheidung, die kurz mal weh tat, aber dann wieder so ein Geschenk war. Ich wusste sofort: Wenn wir uns entscheiden, an dem Ort gemeinsam weiter zu leben, den Papa als unser Zuhause geschaffen hat, dann wird mir das auch neue Möglichkeiten schenken. Natürlich habe ich viel aufgegeben. Natürlich vermisse ich das manchmal. Aber für mich ist es auch ein Geschenk, nun hier zu sein. In diesem Haus, wo er in jedem Winkel präsent ist. An diesem Ort, wo ich ihm näher sein kann als an keinem anderen Ort auf der Welt.

Nach vielen Monaten des Umbaus und des Neuankommens spürte ich, wie meine Akkus schwächer wurden. Erschöpfung, Leere, Müdigkeit. Ich wollte nicht mehr tragen, keine Probleme mehr lösen. Ich konnte nicht mehr da sein. Nicht für andere und nicht mal mehr für mich selbst. Ich fühlte mich immer unsichtbarer. Ich war müde von all dem Tun. Ich war meiner Arbeit müde, aber auch meinem Leben. Ich spürte immer deutlicher, wie nichts mehr zusammenpasste. Ich war einfach leer. Ich konnte keine Freude mehr spüren, nicht mal mehr Trauer. Einfach nichts. Mitte März wurde ich krank. Viele Wochen durfte ich lernen, nichts zu tun, nichts zu müssen, nicht zu funktionieren. Einfach nur zu sein.

Und so lernte ich wieder, für mich da zu sein. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich lernte viel über mich. Bequemes und vor allem Unbequemes. Ich enttarnte Muster und Strukturen. Ich deckte auf, was über viele Jahre in meinem Unterbewusstsein lag, wie ein Schatz, der nicht gefunden werden wollte. Doch ich fand ihn. Ich stellte mich mutig alten Gedanken, Glaubenssätzen und Wahrheiten, die schon lange eine Lüge waren.

Und ich traute mich wieder, von vorne zu beginnen. Ich traute mich, meinen Träumen einen neuen Raum zu geben. Ich traute mich noch einmal, Vertrautes aufzugeben. Zu kündigen. Einen neuen Schritt zu gehen. Nochmal etwas ganz Neues zu wagen.

Heute bin ich davon überzeugt, dass diese Vorfreude damals, das Wissen, dass sich etwas verändert, genau diesem Schritt gegolten hat. Meiner Freude. Meiner Veränderung. Plötzlich ist dieses Gefühl wieder ganz präsent. Wir müssen nicht immer sofort verstehen. Manchmal reicht es zu vertrauen. Dem Leben Platz zu machen und sich ihm hinzugeben.

Sicher habe ich manchmal diesen Gedanken: „Der Papa musste gehen, damit ich meinem Traum folgen kann.“ Aber es ist nicht dieser Gedanke, der wahr ist. Es ist viel mehr dieser größere Plan. Dieses Leben, das wir nicht kontrollieren können. Wir sind geführt, in jedem Moment. Rückschläge und Schmerz sind bitter. Aber daraus entsteht auch immer etwas Neues. Etwas anderes. Papa war ein Visionär, ein Andersdenker, ein Vorwärtsgeher. Jemand, der sich dem Leben entgegengestellt hat und der aus jeder Veränderung etwas Schönes gemacht hat.

Ich nehme jetzt diesen Schmerz und baue etwas Neues daraus. Etwas Schönes. Ich weiß, dass er es gut finden würde. Und bei mir ist er sowieso. Immer. In jedem Moment.

Also gehen wir los …

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